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SeeMagazin 2019

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„Perspektivenwechsel” ist das Motto des SeeMagazins 2019. Dafür erkunden wir die Seen aus einem anderen Blickwinkel: Ob aus der Luft, auf dem Board oder an Land – mit unseren Bildstrecken, Geschichten, Ideen und Tipps möchten wir die Leser einladen, die Region neu zu entdecken.

SeeMensch Franziska

SeeMensch Franziska Maral, 40, ist sowohl ausgebildete Schauspielerin und Yoga-Lehrerin als auch Produzentin in der gemeinsamen Produktionsfirma Es ist immer wieder spannend, ein Ehepaar gemeinsam zum Interview zu treffen. Wird einer das Reden übernehmen? Wie viel Raum lassen die Partner einander? Die Lounge des „Ammersee Hotel“ in Herrsching betreten die Marals einige Minuten verspätet – eigentlich nicht der Rede wert. Trotzdem hat Franziska Maral vorab entschuldigend eine SMS geschickt. Auf den ersten Blick ist Adnan Maral der Lebhaftere: Der Schauspieler („Türkisch für Anfänger“, „Tatort“) plaudert drauflos, lacht gern und viel. Franziska Maral wirkt zunächst zurückhaltender, dabei strahlt sie einfach eine große Ruhe aus. Auffällig ist im Laufe des Gesprächs, wie respekt- und liebevoll die beiden miteinander umgehen – selbst unser Fotograf lauscht den beiden fasziniert, obwohl er nicht die ganze Zeit dabeibleiben müsste. Seit 16 Jahren sind Franziska und Adnan Maral zusammen, seit elf Jahren leben sie mit ihren drei Kindern in der Nähe des Ammersees. Franziska, Sie sind in der Nähe von Zürich aufgewachsen und Sie, Adnan, in Frankfurt am Main. Sie haben sich in Berlin kennen gelernt, Ihre zwei Söhne sind dort geboren. Was verschlägt zwei Großstadtpflanzen ins ländliche Oberbayern? Franziska Maral: Berlin wirkte unverbindlich, es war für mich keine warme Stadt. Es leben so viele Menschen dort, und dennoch fand ich es auf den Straßen immer seltsam leer. Außerdem: mit Kindern? Bis man mal in der Natur draußen war, musste man sich richtig anstrengen. Adnan Maral: Ich habe Berlin in den 80er-Jahren erlebt, das war eine verrückte Zeit. Man konnte von jetzt auf gleich hinfahren, es hat sich immer ergeben, dass man irgendwo schlafen durfte, bei Bekannten, bei Freunden von Freunden. Man hat zusammen gegessen, gefeiert, man wurde einfach aufgenommen. Es gab eine Form von Gastfreundschaft, die ich sehr an Berlin schätzen gelernt habe. Franziska Maral: So habe ich mir Berlin auch vorgestellt. Aber als ich 2001 dorthin kam, war es nicht mehr so. Dennoch: Adnan wäre nicht aus Berlin weggegangen. Adnan Maral: Als klar wurde, dass Franziska sich nicht zu Hause fühlt, fand ich es wichtig, einen Kompromiss zu finden. Wir wollten auch nicht mehr so weit weg von unseren Eltern leben. Zufälligerweise war ich kurze Zeit später bei einem Dreh in München, der Regieassistent erzählte von einem Haus am Stadtrand, das vermietet werden sollte. Wir haben spontan gedacht: Wir probieren das. Wenn es ganz doof ist, können wir immer noch zurück. Stattdessen zog es Sie noch weiter aufs Land. Franziska Maral: Irgendwann war der Wunsch da, etwas Eigenes zu besitzen. Wir sind über die Dörfer gefahren, 48

SeeMensch haben uns umgeschaut, wo es uns gefallen könnte. Und wurden dann im Internet fündig. Adnan Maral: Da poppte plötzlich ein einfaches Bauernhaus in der Nähe des Ammersees auf. Wir kannten den Ort gar nicht. Also haben wir uns das Haus angeguckt – und eine Woche später gekauft. Sehr schnell hatten wir eine Vision, wie es aussehen sollte. Wir waren sicher naiv. Franziska Maral: Es gab nur zwei Räume, keine Heizung, unter dem Bodenbelag stieß man unmittelbar auf Erde. Damals machten wir eine Party – Adnan wurde 40, ich 30 Jahre alt. Ganz stolz sind wir mit unseren Familien und Freunden zum Haus gefahren. Ihre Reaktion? Extrem verhalten. (lacht) »Wir haben tolle Nachbarn. Wir tragen Verantwortung füreinander. Für diese Gemeinschaft bin ich sehr dankbar« Adnan Maral In einem „Lebenslinien“-Beitrag des BR aus dem Jahr 2015 sieht man, wie Sie beide Fliesen im Bad verlegen. Adnan Maral: Franziska und ich haben den Ehrgeiz, uns da reinzufuchsen, zum Glück auch keine zwei linken Hände. Einen Architekten zu engagieren, kam nicht infrage. Wir haben viel selbst gemacht und gebrauchte Materialien verwertet, Dielen und Fliesen aus anderen Häusern. Die Leute aus dem Ort haben uns unfassbar unterstützt. Ich glaube, sie mochten, dass wir etwas Altes erhalten und selbst daran gearbeitet haben. Einmal habe ich nachts den Boden abgeschliffen. Plötzlich stand mein Nachbar Andi hinter mir: „Servus! Das sieht nicht gut aus, was du da machst. Ich helf dir mal.“ Mitten in der Nacht! Franziska Maral: Kurz bevor der Umzugswagen eintraf, tauchten – unabgesprochen – drei Nachbarn auf und packten mit an. Sie holten von zu Hause Bodenvlies und legten das ganze Haus aus. Wir hatten noch kein Treppengeländer. Ein vierter Nachbar brachte ein Provisorium mit: „Das ist sicherer, ihr habt doch kleine Kinder . . .“ Adnan Maral: Wir haben tolle Nachbarn. Es ist nicht zu eng, aber man trägt Verantwortung füreinander. Für diese Gemeinschaft bin ich dankbar. Franziska hatte ja den großen Wunsch nach einem Leben auf dem Land. Ich hätte nie gedacht, dass es mir so gefällt. Ich finde es grandios erholsam. Schauspieler Adnan Maral, 50, hat 2015 die Produktionsfirma „Yalla Productions“ gegründet, um mehr Cross-Culture-Geschichten ins Fernsehen und Kino zu bringen Sie sind ziemlich umtriebig. Auf Instagram kann man sehen, wie oft Sie wegen Lesungen und Dreharbeiten unterwegs sind. Wann war Ihnen eigentlich klar, dass Sie das Zeug zum Schauspieler haben? Adnan Maral: Im Alter von 14 Jahren war ich wild und orientierungslos. Der Typus mit Bomberjacke und der Einstellung: „Ey, Digga, fass mich nicht an.“ (lacht) Selbst für Sport konnte ich mich nicht mehr begeistern. Mit der Klasse hatte ich eine Vorstellung im Frankfurter Kinder- und Jugendtheater „Grüne Soße“ besucht und meinem ältesten Bruder davon erzählt. Er hatte damals in seiner Schule eine Theater-AG gegründet und fragte: Willst du mitmachen? So bin ich in deren Gruppe gelandet, unter lauter Freaks, 49