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SeeMagazin 2017

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Zum zehnjährigen Jubiläum haben wir uns mit einem neuen engagierten Team an die Weiterentwicklung gemacht: Wir haben uns für ein neues Papier sowie ein besseres Druckverfahren entschieden und das Layout der neuen Ausgabe 2017 ruhiger, klarer und frischer gestaltet.

SeeLeben »Wenn man

SeeLeben »Wenn man jemanden treffen wollte, dann am besten am See, im Freibad« Bei dem Mann im Kiosk erkundige ich mich, ob er sich noch an die Familie Eisele erinnere, die früher hier verkaufte. Er lacht, sagt, er sei ein Eisele in 3. Generation und wisse noch genau, dass ich oberhalb des Freibades gewohnt habe. Es ist wie nach Hause kommen. Ich bin in meinem Leben viel gereist, und doch habe ich nirgendwo einen Platz gefunden, der von solcher schmerzhaften Schönheit ist. Dieser weite Blick über den See zum Malerwinkel und den Bergen, der sich tief in meine Seele eingebrannt hat. Für immer und ewig. Die Magie des Starnberger Sees ist oft beschrieben worden. Der Himmel, das besondere Licht, die Hügel, die den See einrahmen wie ein Wimpernkranz. Die historischen Villen mit ihrem weltweit einzigartigen Baustil, eine Mischung aus Schweizer Sanatorium und Harry-Potter- Schloss. Die Föhntage, an denen die Berge, sonst in weiter Ferne, auf einmal direkt hinter dem See aufzusteigen scheinen. Als hätte sie jemand spielerisch nach vorne geschoben. An solchen Tagen verändern sich die Dimensionen, das gegenüberliegende Ufer rückt so nahe, als würde man es unter einem Vergrößerungsglas betrachten. Der Himmel bekommt ein Blau, nach dem man sich lebenslang sehnt, falls man wegziehen muss. Der See hat sein eigenes Klima, ich schwöre, hier haben wir mehr Sonne als in München und im Rest der Welt. Und diese seidenweiche Luft, die einen so übermütig macht. Bereit, etwas Großes zu schaffen, ein Bild zu malen, ein Buch zu schreiben. Seit Jahrhunderten hat dieser See Künstler und Kreative angezogen. Aber der größte Zauber geht vom Wasser aus. Im Sommer von neptunischem Grün, im Winter ein silbernes Grau wie Perlmutt. Die Wasseroberfläche kann glatt wie ein Spiegel sein, aber sich bei Sturm auch in ein wildes Meer mit Schaumkronen verwandeln. ILLUSTRATIONEN VON STEFANIE PIETSCH »Heimlich ziehe ich sie jedem 3-Sterne- Menü vor« Ich brauche die Sicht auf das andere Ufer Ich bin ein Seemensch. Andere mögen das Meer lieben, den Blick in die Unendlichkeit des Horizontes. Ich brauche die Sicht auf das andere Ufer, um mich geborgen zu fühlen. Dem Meer muss man sich stellen, am See findet man zu sich. 16

SeeLeben immer wieder auf den Hohen Peißenberg. Heimlich litt ich Höllenqualen, denn ich stellte mir vor, wie meine Clique sich inzwischen am See amüsierte. Als schüchterner Teenager hatte man es damals nicht leicht. Kein Facebook, keine Dating-App, kein Freizeitcenter und natürlich auch kein Handy. Wenn man also jemanden treffen wollte, dann am besten am See, im Freibad! Besser noch im Nordbad, falls man sich die 50 Pfennig Eintritt leisten konnte. Dort gab es nicht nur einen Sprungturm, sondern auch die angesagten Jungens. Gott, was waren wir damals süß verklemmt! Von einem Mädchen aus meiner Schule erzählte man sich doch tatsächlich, sie sei mit einem Jungen unter den Dampfersteg gerudert, und dort hätten sich die beiden geküsst. Skandal! Aber wir haben sie ziemlich beneidet. Freigeister und Romantiker Am liebsten paddle ich mit meinem Kajak in die Mitte des Sees. Die Geräusche vom Ufer werden immer gedämpfter, köstliche Stille breitet sich aus. Es ist, als würde sich die Welt auf einmal langsamer drehen. Als wäre ich wie Alice im Wunderland in einen Traum gefallen, in dem alles, was vermeintlich wichtig ist, schrumpft und Kleinigkeiten an Größe gewinnen. Nur noch ein Gefühl großer Freiheit. Man hat mich oft gefragt, wie ich die Hektik meines Berufes kompensiere. Das hier ist die Antwort. Auf dem See können seltsame Dinge passieren. Das Wasser ist ruhig, plötzlich zeigt sich eine Strömung. Wo kommt sie her? Was ist unter dir? Das Wechselspiel von Licht und Schatten neckt dich, du glaubst, Gestalten im Wasser zu erkennen, die sich bei näherer Betrachtung wieder auflösen. Fische springen aus dem Wasser. Fliegende Fische im Starnberger See? Möwen schwimmen neben dir, und du würdest dich nicht wundern, wenn sie zu sprechen begännen. Der See ist ein Kosmos für sich. „Der Mensch spiegelt sich im Wasser, und das Wasser spiegelt sich im Menschen“, schreibt der Schriftsteller John von Düffel. Meine auf Bildung bedachten Eltern jagten uns früher zu allen Sehenswürdigkeiten Oberbayerns. Kloster Ettal, die Wieskirche, Andechs, die Partnachklamm, Oberammergau, Deutsches Museum, alle Königsschlösser und Dass der Starnberger See aus zwei Welten besteht, erfuhr ich, als ich mich in einen Jungen verknallte, der in Ambach wohnte. Das war für mich aus Tutzing ungefähr so weit weg wie Neuseeland. Es gab keine richtige Busverbindung, und ich musste mit dem Dampfer ans andere Ufer fahren oder um den halben See radeln. Das Ostufer: Terra incognita, dort wohnten Freigeister und Romantiker, die keine günstige Verkehrsanbindung brauchten, wie wir vom Westufer mit der Bahn. Ich lernte eine Clique kennen, in der jeder so ganz anders war als die Typen, die ich sonst von der Schule kannte. Ich weiß noch, wie wir barfuß über die noch nicht geteerte Seestraße liefen (wir hielten das für cool) und über das Leben diskutierten. Und was wir daraus machen wollten. Am Ostufer gab es für junge Leute wenig Abwechslung, was dazu führte, dass man sich mehr mit sich selbst beschäftigte. Wir fühlten uns alle zu Großem berufen. Einer war es wirklich, Patrick Süskind. Aber wir feierten natürlich auch Partys, nachts in der damals leer stehenden Seeburg, gingen segeln, hörten Musik. Die Eltern meiner neuen Freunde waren Schriftsteller, Zeichner, Philosophen, Schauspieler, man wohnte in großen Häusern, in denen Bücher und Hunde wichtiger schienen als die Einrichtung. Niemand gab mit seiner Prominenz oder seinem Geld, falls vorhanden, an. Das ist heute am Ostufer immer noch so. Mich erinnerte diese exzentrische Gemeinschaft am See an den Roman, den ich verschlungen hatte: „Big Sur und die Orangen des Hieronymus Bosch“ von Henry Miller. Das Buch handelt von einem Kreis von Künstlern, Intellektuellen und Sonderlingen, die fern aller Zivilisation an der kalifornischen Küste leben. Ganz klar: Das Ostufer war und ist seitdem für mich Kalifornien. 17