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SeeMagazin 2017

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Zum zehnjährigen Jubiläum haben wir uns mit einem neuen engagierten Team an die Weiterentwicklung gemacht: Wir haben uns für ein neues Papier sowie ein besseres Druckverfahren entschieden und das Layout der neuen Ausgabe 2017 ruhiger, klarer und frischer gestaltet.

EIN ESSAY VON PATRICIA

EIN ESSAY VON PATRICIA RIEKEL » Es ist wie nach Hause kommen« 14

SeeLeben D Dies ist eine Liebesgeschichte. Sie fing an, als ich fünf Jahre alt war und mit meiner Familie an den Starnberger See zog. Genauer gesagt: oberhalb des Tutzinger Freibades. Ich muss nur die Augen schließen und sehe alles wieder vor mir. Die große Wiese mit dem niedergetretenen Gras. Die glitschigen Kieselsteine am Ufer. Die Wellen der Seeshaupt, in die wir Kinder uns stürzten, als wäre es die Meeresbrandung. Auf dem Steg lümmelten Halbstarke, wie man damals aufsässige Teenager nannte. Es roch nach Nussöl, und die Kofferradios waren voll aufgedreht. Die Mädchen machten auf lässig, ignorierten die Jungens, die mit großem Getue vom Steg ins Wasser hechteten. Wobei es darauf ankam, die Mädchen möglichst nass zu spritzen, die dann erwartungsgemäß loskreischten. Das Freibad war das Paradies meiner Kindheit. Hier begannen erste Freundschaften, spielten, stritten und versöhnten wir uns. Ich ging an den See, wenn ich traurig war, mich zu Hause unverstanden fühlte. Der See wurde mein Vertrauter, mein Verbündeter. Vor allem aber war ich, sobald es das Wetter zuließ, im Wasser. Mein Element. Ich schwamm, tauchte, ließ mich treiben. Und selbst wenn meine Lippen schon blau waren, ich vor Kälte zitterte, wollte ich nicht aus dem Wasser. Ein halbes Jahrhundert später – ist es wirklich so lange her – stehe ich wieder im Freibad. Und nichts hat sich geändert. Auch wenn jetzt alles viel kleiner wirkt, als wäre ich unverhofft in dem Film „Liebling, ich habe die Kinder geschrumpft“ gelandet. Aber die Umkleidekabinen sind noch da, wahrscheinlich auch die Löcher im Holz, durch die man nach nebenan „luren“ konnte, was wir als kleine Mädchen wahnsinnig peinlich fanden. Im Kiosk gibt es noch immer Wiener auf Pappteller, mit Senf und Semmel. Ich war versessen auf diese Würstchen. Eine Waffel mit klebrig-rosafarbenem Schaum Foto: privat Aber wir waren vier Geschwister, unser Vater Professor, Schriftsteller, Schöngeist und ein finanzieller Chaot, solchen Luxus konnten wir uns nicht leisten. Nur manchmal durfte ich mir etwas für zehn Pfennig aussuchen. Meistens eine Waffel mit klebrig-rosafarbenem Schaum. Wiener Würstchen lösen noch heute bei mir kindliche Glücksgefühle aus, und ich ziehe sie heimlich jedem 3-Sterne-Menü vor. 15