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SeeMagazin 2016

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Im SeeMagazin berichten wir einmal jährlich von besonderen Menschen und Orten aus dem Fünf-Seen-Land. Ein Projekt, das uns schon fast 10 Jahre begleitet und immer wieder begeistert.

SPECIAL Baby Georg

SPECIAL Baby Georg strampelt vergnügt mit seinen Puttenbeinchen, während seine Mama konzentriert in weißes Büttenpapier schneidet und ritzt. Er jauchzt, schließlich ist er mitten im Geschehen und darf auf dem großen Tisch liegen. Die wachsamen Augen der Künstlerin richten sich mal auf das Papier, das sie bearbeitet, mal auf ihren Sohn. In diesem Einklang entsteht Zauberhaftes. Jedes von Anna Maria Bellmanns Papierobjekten ist Handarbeit bis ins kleinste Detail. Gefertigt aus feinem weißen Papier, so fragil und vergänglich wie die Natur, deren Formen sie mit ihren Schnitten einzufangen versucht. Durch das Herausbiegen der diffizilen Muster entsteht ein räumlicher Effekt, eine dritte Dimension. Diese Technik ist die künstlerische Handschrift Anna Maria Bellmanns und bewirkt ein magisches Spiel von Licht und Schatten, filigran, zart und lebendig. Das Atelier ist zurzeit auch Georgs Kinderzimmer. Viel Platz braucht die Künstlerin für ihre Arbeit nicht. Noch geht es im wahren Wortsinn spielend miteinander. Er gluckst und ist sehr zufrieden. Die Sonne kommt gerade hinter den Wolken hervor und überflutet das Seeufer mit einem prachtvollen Licht. Kleine Wellen kräuseln sich auf der Wasseroberfläche des Sees. Von ihnen lässt sich Anna Maria Bellmann zu einem neuen Motiv inspirieren. Sie holt ein frisches Blatt feines Büttenpapier, und schon raschelt es unter ihren Händen, als sie mit dem blitzscharfen Messer leise Wellen in den Untergrund ritzt. Die junge Frau benutzt das Schneidemesser wie eine Malerin ihren Stift oder Pinsel. Versunken und meditativ. Anna Maria Bellmanns erste papierne Kunstwerke fertigte sie, um ihren 54 SeeMagazin 2016 | www.seemagazin.de

Anna Maria Bellmann hat sich ihre Kunstfertigkeit selbst beigebracht. Sie lässt sie in Ruhe wachsen. Großonkel finanziell zu unterstützen, der seit knapp drei Jahrzehnten in einer Favela in Brasilien lebt und arbeitet. Nie möchte sie die wertvollen Erfahrungen missen, die sie dort bei einem Besuch gemacht hat. Fasziniert war sie von den Menschen, die kaum etwas besitzen und doch strahlend durch ihr Leben gehen. Ein Hoffnungslicht wurde dann eine ihrer ersten Arbeiten. Anna Maria zündet ein Teelicht an, das sie in den geschnitzten Papierbecher vor sich stellt. Sofort entfacht sich ein Lichtspiel mit tanzenden Sprenkeln. Von dieser Wirkung war eine Talentsucherin der Museumsshopkette Cedon begeistert und beauftragte die Künstlerin, eine Vorlage anzufertigen nach der nun ähnliche Lichter, allerdings maschinell hergestellt, produziert werden. Auf jedem dieser Werke ist ihr Name zu lesen. Anna Maria Bellmann ist Autodidaktin. Mit 15 hatte sie bereits ihre Mittlere Reife in der Tasche und lernte Bankkauffrau. Das Talent zum Kunsthandwerk liegt jedoch in der Familie, ihre Eltern und vier Geschwister schreinern oder nähen. Sie selbst entdeckte, wie geschickt sie mit Teppichmesser und Papier hantieren konnte, als sie ihrem Mann vor ein paar Jahren zu Weihnachten eine Londonkarte aus Papier bastelte. Der Schwiegervater war so hingerissen, dass er Anna Maria noch vor der Christmette ein Schneideset mit Brett und 20 Skalpellen im Internet bestellte. Es war der Start ihrer künstlerischen Laufbahn, und sie steht erst am Anfang. Selbst wenn sie fünf Kinder bekommen sollte, wird es mit ihrer Papierkunst weitergehen, sagt sie lächelnd. Die Künstlerin zeigt eine beeindruckende Mischung aus Zartheit und Kraft. Gut möglich, dass sich das künstlerische Schaffen mit der wachsenden Familie in Etappen oder auf Zehenspitzen vollzieht. Anna Maria hat Zeit. Sie strahlt Ruhe aus, Harmonie und Einklang. Wie die Kunstwerke, die sie fertigt. sich im zauber verlieren „Look up and get lost – III, IV und V“ hat Anna Maria Bellmann ihre feinen Papierarbeiten genannt (Fotos oben). Sie sind die Fortführung einer Serie und als Unikate für das SeeMagazin gemacht. Alle aus hochwertigem Büttenpapier geschnitten und in weiß lackiertem Lindenholzrahmen. Außenmaße: 32 x 42 x 3,5 cm. Preis: je 350 € plus Verpackungs- und Versandkosten (online erhältlich über seemagazin.de. Weitere Arbeiten siehe S. 70/71). Sonstige Werke: Grafische Stadt- und Landkarten (oben) und Cyanotypien (linke Seite), auch Eisenblaudrucke genannt. www.seemagazin.de | SeeMagazin 2016 55