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FOCUS STYLE – Oktober 2017

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Zweimal jährlich, erscheint das Supplement FOCUS STYLE als Beilage im FOCUS. Auch die zweite Ausgabe mit zwei Cover-Varianten von Jérôme Boateng und Clemens Schick wurde von Storyboard produziert. Freuen Sie sich auf 44 Seiten Männer, Mode und Uhren.

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34 FOCUS STYLE WIE MODISCH DARF EIN MANN HEUTE SEIN ?

GUIDE HOW Nein, Männer müssen nicht jedem Trend folgen. Aber Modemut zu zeigen ist selbstverständlich geworden. TEXT GORDON DETELS ILLUSTRATION MATHIS REKOWSKI Wann ist ein Mann ein Mann?“, fragte Herbert Grönemeyer 1984. Und antwortete gleich selbst: „Männer bauen Raketen“. „Männer führen Kriege“. „Männer rauchen Pfeife“. Hätte er sich damals den Äußerlichkeiten des Mannes gewidmet, wären seine Textzeilen wohl gewesen: „Männer ziehen sich den Temperaturen entsprechend an. Und Männer lassen Duschgel an sich ran.“ Mehr wäre zu dem Thema nicht zu sagen gewesen. Heute, gut 30 Jahre später, wären es einige Strophen mehr. Denn Männer widmen sich mit selbstverständlicher Hingabe der Körperpflege. Und sie achten darauf, dass ihre Kleidung auch Ausdruck ihrer Persönlichkeit ist. Woher diese neue Selbstbestimmtheit der Männer kommt? Die Stilexperten sind sich uneins. Es könnte neu entdeckter Hedonismus sein, meinen die einen. Eine Gegenreaktion auf eine Welt, die nicht zuletzt durch den Terror immer dunkler wird. Andere verweisen auf Nachwehen der Metrosexualität. Ein Begriff, den heterosexuelle Männer wie David Beckham prägten. Männer mit einem extravaganten Lebensstil, die keinen Wert auf maskuline Klischees legen. Es ist jedoch viel einfacher. Es gibt genau zwei Gründe dafür, dass Mann sich nicht mehr anhand von Geschlechterrollen durchs Konsumleben hangelt. Anders als Grönemeyer einst sang, können Männer Frauen längst nicht mehr durch „ihr Geld und ihre Lässigkeit“ beeindrucken weil Frauen ihr eigenes Geld verdienen. Wer ihnen imponieren will, muss sich anderes einfallen lassen. Zweitens stammen Männer zwischen 20 und 30 aus der Generation der Digital Natives und haben durch Modeblogs, Social Media und Co. gelernt, dass Mode längst kein Spezialistenthema mehr ist. Und dass die Beschäftigung damit nicht mit sexueller Orientierung einhergeht. Was nicht bedeutet, dass deswegen alle so rumlaufen wie Models auf Fashion-Shows. Peter Mustermann trägt nicht auf einmal Cowboystiefel, weil Raf Simons sie in New York für Calvin Klein zeigte. Der Unisex-Look, für den J.W. Anderson beim Label LOEWE steht, gefällt nicht jedem. Fußballschals, wie sie Gosha Rubchinskiy oder Balenciaga propagieren, sieht man weiterhin eher im Stadion als auf der Straße. Und Schlaghosen, bei Gucci ein Thema, sind ebenso wenig jedermanns Sache wie Cord-Stoff, dem Prada unlängst seine Piefigkeit nahm. Nicht TO Gordon Detels, 40, war fünf Jahre Redaktionsleiter des Stil-Magazins „GQ Style“. Aktuell ist er unter anderem „Editor-at-Large“ des Luxusmagazins „Robb Report“. umsonst gibt es mittlerweile den Begriff „Normcore“, der einen Mann beschreibt, der sich bewusst durchschnittlich, aber durchdacht und teuer kleidet. Männermode 2017 bedeutet aber auch: Alles geht! Mann lässt sich inspirieren, mixt, probiert sich aus weil er darf/kann/ will. Er traut sich, mehr Haut zu zeigen die V-Ausschnitte von T-Shirts werden dekolletémäßig tief. Und er achtet bei Kleidung auf den Schnitt egal ob eng anliegend oder oversized. Mann und Modemut, das ist kein Gegensatz mehr. Farbige Socken, wie sie die Dandys auf der Modemesse Pitti Uomo in Florenz seit Jahren tragen, sind inzwischen Mainstream. Und mit ihren kurzen Hosen und engen Sakkos zeigen diese Pariser Paradiesvögel gleichzeitig, dass das, was jetzt mit dem Mann passiert, nichts Neues ist: Mitte des 18. bis Anfang des 19. Jahrhunderts gab es ihn bereits, den stilmutigen Dandy, der kultiviert auftrat und sich bekleidungs- oder körperpflegetechnisch nicht über Geschlechterrollen definierte. Dann schlug (leider) die Marketingmaschinerie zu, die Industrie teilte alles in Rosa und Blau, Weich und Hart, Feminin und Männlich. Und die Männerwelt stürzte sich brav ins Verderben. Aber zurück zur Gegenwart. In der taucht der Begriff „Post-Marketing“ auf. Oder, wenn es um Beauty geht, Genderneutralität. Louis Vuitton oder Maison Margiela etwa verkaufen in ihren Boutiquen Unisex-Parfüms. Und selbst ein bei Douglas erhältlicher Duft wie Prada L’Homme riecht (unter anderem) feminin nach Lavendel. Auch der männliche Griff zur Augencreme ist nicht mehr weiter erwähnenswert. Und der Besuch im Nagelstudio ebenso wenig ein Skandal wie das vom Mann gebuchte Detox-Wochenende. Durch den Arbeitsalltag, in dem die Mitte 20- bis Mitte 30-Jährigen mit ihrer neuen Haltung oft auf ältere Vorgesetzte treffen, schwappt dieser Style-Mut nun sogar auf die Generation 50plus über. Weil deren Mitglieder sich nicht wie ein Teil einer Rentnergang fühlen wollen. „Männer können alles“, lautet eine Zeile aus Grönemeyers Lied von 1984. Heute könnte man ergänzen: „Und endlich zeigen sie es auch.“ Gut so. FOCUS STYLE 35