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FOCUS STYLE – Oktober 2017

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Zweimal jährlich, erscheint das Supplement FOCUS STYLE als Beilage im FOCUS. Auch die zweite Ausgabe mit zwei Cover-Varianten von Jérôme Boateng und Clemens Schick wurde von Storyboard produziert. Freuen Sie sich auf 44 Seiten Männer, Mode und Uhren.

INTERVIEW Er trägt

INTERVIEW Er trägt hellblaue „Dad Jeans“, ein lose fallendes weißes T-Shirt, weiße Sneaker. Sein Haar ist kurz geschnitten. Fast militärisch kurz. Umso üppiger sprießt sein Vollbart, den er derzeit lang wachsen lässt. Schauspieler Clemens Schick wirkt auf souveräne Art lässig. Sein Auftreten ist höflich, dezent. Nein, der in Tübingen geborene 45-Jährige ist keiner dieser Stars, die sich auch privat in den Vordergrund spielen. Dabei hat er es als einer der wenigen deutschen Schauspieler bis zum Gegenspieler von James Bond gebracht. Und auch abseits der Leinwand ist er für viele eine Ikone: als Aktivist, der sich politisch engagiert. Er trinkt einen Schluck von seinem Cappuccino. „Bereit?“, fragt er. Der Himmel über München ist heute bewölkt. Doch genau in diesem Moment dringt durch die großen Fenster hier im Obergeschoss des Bayerischen Hofs ein einsamer Sonnenstrahl. Der Lichtschein fällt auf sein Clemens Schick ICH SCHREIBE GERNE HAND- SCHRIFTLICHE BRIEFE Gesicht. Und lässt sie leuchten, diese legendären, eisblauen Augen. Sein Markenzeichen. Okay, legen wir los. FOCUS STYLE Herr Schick, Sie sind für Ihre Style-Vielfalt bekannt. Den Berliner Streetstyle beherrschen Sie genauso wie Bootcut-Jeans und Tanktops oder den klassischen Red-Carpet-Look. Worin fühlen Sie sich am wohlsten? CLEMENS SCHICK Wenn ich beruflich unterwegs bin und zum Beispiel auf eine Premiere gehe, trage ich, was zum Anlass passt. Das tue ich aus Respekt vor den Leuten, die das organisieren, und aus Respekt vor meinen Kollegen und der Filmbranche. Von daher bin ich in solchen Situationen ganz bewusst eher over dressed als underdressed unterwegs. Und privat? Eigentlich bin ich da so gekleidet, wie ich auch jetzt hier sitze: Jeans, T-Shirt und Sneaker. Ich bin häufig unterwegs und trage nicht gerne viel mit mir rum. Deswegen ist es einfach eine praktische Überlegung: Wo reise ich hin, was macht Sinn? Ich mag es simpel und schätze bequeme Outfits. Das ist aber rein privat. Sonst ist es für mich wichtig, mich meinen Umgebungen anzupassen, professionell wie kulturell. Wenn ich in ein Lokal in Berlin gehe, trage ich gerne eine Bomberjacke mit Jeans und T-Shirt. Das würde ich in Paris eher nicht machen. Gibt es ein Lieblingsstück, das Sie auf Reisen immer dabeihaben? Nicht, was Outfits betrifft. Was ich aber immer bei mir habe, sind mein Füller und mein Adressbuch. Ich schreibe gerne handschriftliche Briefe. Und manchmal habe ich sogar ein Tintenfass im Koffer. Shearling-Jacke HILFIGER EDITION Jeans CARHARTT Sweatshirt PHYNE Als Schauspieler sind Sie extrem wandlungsfähig. Sie spielen in Blockbustern, drehen Arthouse-Filme und stehen auf der Theaterbühne. Gibt es einen Bereich, den Sie besonders gerne mögen? Ich lebe heute genau so, wie ich es mir wünsche. Die Arbeit an unterschiedlichsten Projekten und in verschiedenen Genres kommt meinem großen Freiheitsbedürfnis sehr entgegen. Ich 10 FOCUS STYLE

Mantel BOTTEGA VENETA Ring GEORG JENSEN stand zehn Jahre ausschließlich auf der Theaterbühne. Aber irgendwann fühlte ich mich eingeengt und wollte da raus. Heute ist mein Arbeitsplatz die Welt. Und obwohl ich inzwischen eine gewisse Stabilität habe, gibt es trotzdem auch Unsicherheit. Wie geht’s weiter? Doch genau dieses Nichtwissen hält mich wach und lebendig. Es gibt ein Foto Ihres Vaters, auf dem er im schmalen schwarzen Anzug im 60er-Jahre-Schnitt zu sehen ist. Dazu trägt er ein weißes Hemd und eine schmale Krawatte. War er immer so stylish unterwegs? Ich glaube, das war damals einfach eine andere Zeit. Mein Vater war Staatsanwalt. Und Männer wie er haben im Job Anzug getragen. Das war eine Selbstverständlichkeit. Ich habe aber selten in meinem Leben jemanden getroffen, der so viel Haltung zeigt wie mein Vater. Er verhält sich immer korrekt und ist nie opportunistisch. Ich bewundere das sehr und würde es auch als Stil bezeichnen. Stil ist also eine Frage der Haltung? Genau. Stil ist nicht nur, was du trägst, sondern auch, wie du dich gegenüber anderen Menschen verhältst. Mein Vater war zum Beispiel früher nicht einverstanden damit, dass ich Schauspieler werde. Aber er hat das gleiche Geld in meine Berufsausbildung gesteckt wie in die meiner Geschwister. Das ist für mich Integrität. Es hat ein bisschen gedauert, bis ich das begriffen habe, aber mein Vater ist deshalb auch eines meiner größten Vorbilder. Und ich merke, dass ich mehr und mehr auch seine Werte teile. Und wie ist Ihr Verhältnis heute? Er geht in jede Theaterpremiere und guckt sich jeden meiner Filme an. Stimmt es, dass Sie als junger Mann mal Mönch werden wollten und im Kloster waren? Ja, das ist über 20 Jahre her und war nur eine kurze Phase in meinem Leben. Ich war gelangweilt vom Schauspielstudium und wollte etwas „Radikales“ machen. Ich fand damals unser kapitalistisches System langweilig. Mich in erster Reihe um die Gemeinschaft zu kümmern war für mich spannend. Und ich sah als Mönch die Möglichkeit, genau das zu tun. Nun, es sollte dann nicht so sein, aber ich habe damals Werte mitbekommen, die ich heute schätze: Ruhe und Wertschätzung für unsere gemeinsame Verantwortung. Letztlich bin ich aber froh, dass mein Leben doch in eine andere Richtung ging. Sie sorgten für viel Furore, als Sie sich vor drei Jahren öffentlich als schwul outeten. Entsprang das auch dem Bedürfnis, eine klare Haltung zu zeigen? Das war ein Statement, ja. Ich hatte das Gefühl, dass ich in Gesprächen und Interviews nur bis zu einem gewissen FOCUS STYLE 11